Diese Taschenuhr erzählt eine historisch belegbare Geschichte - eine Geschichte des Handwerks und des Handels in Leipzig zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig.
Hergestellt wurde sie vom Leipziger Uhrmacher Christian Heinrich Lähne. Dieser wurde ab 1781 als Lähne jun. - Sohn des Ratsuhrmachers Johann Conrad Lähne - im Adressverzeichnis als Innungsmitglied geführt. Ab 1811 hat seine Frau die Werkstatt als „C.H. Laehne Witwe“ (zu der Zeit nicht unüblich) weitergeführt. Die Entstehungszeit der Uhr würde ich zwischen 1790 (Zahlen auf dem Zifferblatt) und 1810 (Lähne ist nicht mehr im Verzeichnis) schätzen.
o Zustand
Der Zustand der Uhr (Dm. 55 mm) ist für ein Alter von über 200 Jahren außerordentlich gut - kaum Tragespuren, keine Abplatzungen am Schlüsselloch, das Werk sehr sauber, kein Abrieb am Bügel durch eine Kette, wirklich exakt schließendes Gehäuse.
Die Uhr läuft nach respektvollem Aufziehen problemlos.
o Werk
In einem Buch über die Zünfte in Leipzig steht: „Für die Taschenuhrproduktion bezogen die städtischen Uhrmacher im zweiten Drittel des 18. Jh. offensichtlich Einzelteile … aus dem Ausland. Diese montierten sie in ihren Werkstätten zu fertigen Erzeugnissen. … (es) blieb Ihnen auch noch die ‚Repassage‘, die Nacharbeit der Einzelteile bis zur völligen Gangbarkeit.“
Das Spindelwerk (Vollplatine mit Kette und Schnecke) ist signiert mit: C. H. Laehne in Leipzig. Die Namensgravur ist identisch mit der auf anderen Lähne-Uhren.
Das Rohwerk der Uhr scheint aus der Schweiz geliefert worden zu sein. Auch weisen das relativ flache Werk, das Deckplättchen aus Stahl, die Form der Ranken des Klobens, die Regulierung „Avance / Retard“ und die arabischen Zahlen auf dem Zifferblatt darauf hin.
Da in Leipzig dreimal im Jahr Messen stattfanden, war der Erwerb der Einzelteile von den Schweizer Händlern sicher problemlos möglich. Man kann zu den Schweizer Messeaktivitäten in den Adressbüchern ab 1767 nachlesen. Auch kamen Ideen, Nachrichten, Neuerungen in Umlauf und der Handel boten Absatzmöglichkeiten, erleichterten das Beschaffen von Material und Halbfabrikaten
Zudem gab es an Leipzigs bester Adresse - Am Markte 170 - eine Uhrenhandlung der Genfer Uhrmacherdynastie Melly - die Raggion (alter Ausdruck für Firma) Melly & Cie.
K. Pritchard schreibt dazu:
MELLY, ANTOINE, Genève
History: Types: Antoine Melly (1749-?) was a horological merchant who moved to Leipzig. His father was one of the five Melly brothers who started LES FRERES MELLY. His son, FERDINAND MELLY (1778-1846), was a master watchmaker who formed MELLY FRERES with another son, Ruel.
o Gehäuse + Punzen
Das Silbergehäuse ist der Zeit entsprehend schlicht und schließt spaltfrei. Das erinnert mich an die Qualität eines Bentley aus den späten 1940er Jahren: eine handgefertigte Karosserie, deren Tür man noch heute mit zwei Fingern zudrücken kann.
Bis auf die Zahl 13 kann man die Punzen nur hypothetisch deuten. Die Zahl zeigt 13 Lot (entspricht 812,5/1000 Silber) an. Diese Stempelung war nicht zwingend notwendig, wurde jedoch im deutschsprachigen Raum genutzt, um einen höherwertigen Feingehalt (13 Lot, 14 Lot) als den üblichen hervorzuheben. Das machte im internationalen Messeumfeld von Leipzig Sinn.
Die beiden Buchstaben H H stammen sicherlich vom Gehäusemacher, konnten aber noch nicht entschlüsselt werden. Auffällig ist: Die beiden H stammen nicht aus demselben Schlagstempel.
Die beiden vierstelligen Nummern könnten darauf hindeuten, dass das Gehäuse von einem Gehäusemacher erstellt wurde, der mit mehreren Modellen verschiedene Kunden bediente.
o Zifferblatt + Schrift
Das Zifferblatt mit arabischen Zahlen entsprach dem Zeitgeschmack nach der Französischen Revolution und war sicher eine Bestellung bei einem spezialisierten Fremdhersteller. Dafür spricht auch der Schreibfehler im Namen: Lachne (Wir haben dieses Phänomen im Forum schon diskutiert). Wenn der Auftrag - wie damals üblich - handschriftlich erteilt wurde, kann es zu solchen Schreibfehlern kommen, noch dazu, wenn der Auftrag von spezialisierten Emailleurs aus Frankreich oder der Schweiz ausgeführt wurde.
Jedenfalls wird mit Lähnes Namen auf Zifferblatt und Platine dokumentiert, dass er der herstellende Uhrmacher war und nicht ein Händler.
o Zeiger
Die markanten Ringglieder-Zeiger sind original - gleiche finden sich an einer Taschenuhr von Lähne im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden.
Sie wurden gegossen.
Diese Zeiger kann man - nicht sehr oft - an Uhren aus Genf und Paris finden.
(Chevalier et Compagnie, Paris 1790)
Spindel: C.H. Lähne aus Leipzig
Spindel: C.H. Lähne aus Leipzig
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Re: Spindel: C.H. Lähne aus Leipzig
o Lähne + Orte + Familie
In historischen Adressbüchern von Leipzig wird Christian Heinrich Lähne erstmals 1781 als Uhrmacher (Mitglied der Innung), Sohn des Ratsuhrmachers Johann Conrad Lähne, erwähnt. Ab 1811 wurde die Werkstatt als ‚C.H.Lähne Witwe’ von seiner Witwe weitergeführt - ein zu der Zeit üblicher Weg - bis der Uhrmacher Louis Bethmann diese übernahm. Im Jahr 1792 reparierte Lähne offiziell die Leipziger Rathausuhr. 1804 zog er ein neues Steigrad ein und baute sie grundlegend auf den modernen Stiftengang á L’Epine um.
Seine Werkstatt befand sich immer im Stadtzentrum von Leipzig. Hier, im Bereich um den Markt, konnten sich nur gutbetuchte Handwerker niederlassen. Da Taschenuhren noch Luxusobjekte waren, musste Lähne dort sein, wo seine Kunden (Adlige, gehobenes Bürgertum) verkehrten. Ausserdem hatten dort auswärtige Händler und Kommissionäre zu den Messen ihre Quartiere und Stände. Diese wurden von deutschen Uhrmachern studiert, um für die lokalen Kunden u.a. den begehrten Stil ‚à la mode de Paris‘ nachzuahmen. Aber auch die Taschenuhr als Gebrauchsgegenstand mit der Suche nach präzisem Gang für das nun vernetzte Verkehrswesen und die beginnende Industrialisierung wird von Lähne wahrgenommen.
Das Haus, in dem Lähne fast 30 Jahre lang seine Werkstatt hatte, wurde im Krieg zerstört. 1824 zog die Werkstatt in dieses Haus in der Hainstraße:
Es gehört heute einer Erbengemeinschaft und hat deshalb eine für meine Zwecke sehr angenehme Patina. Die Werkstatt war wegen der Lichtverhältnisse meist in der 1. Etage. Nur zwei Jahre später zog die Werkstatt zwei Häuser weiter, um näher am Markt zu sein!
o andere Uhren
Neben der Taschenuhr im MPS in Dresden sind nur sehr wenige Uhren von Lähne direkt bekannt. Seinen Ansprüche zeigt diese Taschenuhr mit einer Hemmung von Pouzait. Dieser lebte zu der Zeit in Genf und das würde den eventuellen Ursprung des Rohwerkes erklären.
Eine Schreibtischuhr im Wien Museum enthält ein Uhrwerk von Lähne. Der Aufdruck auf dem Zifferblatt ‚Erinnerung September 1879‘ wird als Datierung angegeben, was definitiv nicht stimmt. Zu der Zeit war Lähne schon 69 Jahre tot.
(Wien Museum)
(Wien Museum)
Die vorgestellte Taschenuhr von Christian Heinrich Lähne ist ein Referenzstück für Leipziger Uhrmacherkunst um 1800.
o Nachsatz
In zahlreichen Quellen wird zu Lähne ein Wikipedia-Artikel (oft wörtlich) zitiert, der viele Unstimmigkeiten enthält.
Die KI schlussfolgert daraus, dass es sich bei dieser Häufung um Fakten handeln muss und fabuliert hartnäckig gut klingende Geschichten, die aber ungeprüft wenig brauchbar sind.
Sehr hilfreich für historische Untersuchungen sind allerdings die in diesem Prozess gefundenen Originalquellen. Da die Inhalte selten als Text digitalisiert sind (wegen der Frakturschrift?), muss man diese händisch durchsuchen. Eine unschätzbar wertvolle Ausnahme bildet hier die Digitale Bibliothek der DGC.
Grüße
Joachim
In historischen Adressbüchern von Leipzig wird Christian Heinrich Lähne erstmals 1781 als Uhrmacher (Mitglied der Innung), Sohn des Ratsuhrmachers Johann Conrad Lähne, erwähnt. Ab 1811 wurde die Werkstatt als ‚C.H.Lähne Witwe’ von seiner Witwe weitergeführt - ein zu der Zeit üblicher Weg - bis der Uhrmacher Louis Bethmann diese übernahm. Im Jahr 1792 reparierte Lähne offiziell die Leipziger Rathausuhr. 1804 zog er ein neues Steigrad ein und baute sie grundlegend auf den modernen Stiftengang á L’Epine um.
Seine Werkstatt befand sich immer im Stadtzentrum von Leipzig. Hier, im Bereich um den Markt, konnten sich nur gutbetuchte Handwerker niederlassen. Da Taschenuhren noch Luxusobjekte waren, musste Lähne dort sein, wo seine Kunden (Adlige, gehobenes Bürgertum) verkehrten. Ausserdem hatten dort auswärtige Händler und Kommissionäre zu den Messen ihre Quartiere und Stände. Diese wurden von deutschen Uhrmachern studiert, um für die lokalen Kunden u.a. den begehrten Stil ‚à la mode de Paris‘ nachzuahmen. Aber auch die Taschenuhr als Gebrauchsgegenstand mit der Suche nach präzisem Gang für das nun vernetzte Verkehrswesen und die beginnende Industrialisierung wird von Lähne wahrgenommen.
Das Haus, in dem Lähne fast 30 Jahre lang seine Werkstatt hatte, wurde im Krieg zerstört. 1824 zog die Werkstatt in dieses Haus in der Hainstraße:
Es gehört heute einer Erbengemeinschaft und hat deshalb eine für meine Zwecke sehr angenehme Patina. Die Werkstatt war wegen der Lichtverhältnisse meist in der 1. Etage. Nur zwei Jahre später zog die Werkstatt zwei Häuser weiter, um näher am Markt zu sein!
o andere Uhren
Neben der Taschenuhr im MPS in Dresden sind nur sehr wenige Uhren von Lähne direkt bekannt. Seinen Ansprüche zeigt diese Taschenuhr mit einer Hemmung von Pouzait. Dieser lebte zu der Zeit in Genf und das würde den eventuellen Ursprung des Rohwerkes erklären.
Eine Schreibtischuhr im Wien Museum enthält ein Uhrwerk von Lähne. Der Aufdruck auf dem Zifferblatt ‚Erinnerung September 1879‘ wird als Datierung angegeben, was definitiv nicht stimmt. Zu der Zeit war Lähne schon 69 Jahre tot.
(Wien Museum)
(Wien Museum)
Die vorgestellte Taschenuhr von Christian Heinrich Lähne ist ein Referenzstück für Leipziger Uhrmacherkunst um 1800.
o Nachsatz
In zahlreichen Quellen wird zu Lähne ein Wikipedia-Artikel (oft wörtlich) zitiert, der viele Unstimmigkeiten enthält.
Die KI schlussfolgert daraus, dass es sich bei dieser Häufung um Fakten handeln muss und fabuliert hartnäckig gut klingende Geschichten, die aber ungeprüft wenig brauchbar sind.
Sehr hilfreich für historische Untersuchungen sind allerdings die in diesem Prozess gefundenen Originalquellen. Da die Inhalte selten als Text digitalisiert sind (wegen der Frakturschrift?), muss man diese händisch durchsuchen. Eine unschätzbar wertvolle Ausnahme bildet hier die Digitale Bibliothek der DGC.
Grüße
Joachim
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